Pat:innenschaften bringen Menschen zusammen. Sie schaffen Räume für Begegnungen, neue Perspektiven und gegenseitige Unterstützung. Für Menschen, die neu oder noch nicht lange in Deutschland sind, können sie das Ankommen erleichtern und Orientierung im Alltag bieten. In unserem Projekt Wir sind Paten wachsen Freund:innenschaften, Vertrauen und gemeinsame Erfahrungen für beide Seiten. Afrah und Carmen berichten, was ihre Pat:innenschaft für sie bedeutet.
„Ich bin ein geselliger Mensch“
Carmen Sieber ist 68 Jahre alt, Rentnerin und engagiert sich als Patin bei Wir sind Paten Erfurt, weil sie gerne unter Leuten ist und den Austausch mit Menschen schätzt, die unterschiedliche Lebenswege und kulturelle Erfahrungen mitbringen. Auf Wir sind Paten wurde sie bei einem Besuch im Sprachcafé aufmerksam. Dort erfuhr sie von der Möglichkeit, sich als Patin zu engagieren und diese Idee gefiel ihr sofort.
Im Laufe der Zeit hat Carmen mehrere Mentees begleitet. Gemeinsam lernten sie Deutsch, erledigten Hausaufgaben aus dem Sprachkurs oder trafen sich regelmäßig in der Bibliothek am Erfurter Domplatz. Mit ihrer Mentee Afrah kocht sie gerne oder verbringt Zeit bei langen Unterhaltungen. Den beiden ist besonders ein gemeinsamer Theaterbesuch in Erinnerung geblieben, bei dem sie sich das Ballett „Der Nussknacker“ angeschaut haben. Das war für sie ein schönes Erlebnis, das sie miteinander verbinden. An ihren Pat:innenschaften schätzt Carmen vor allem, dass aus den regelmäßigen Begegnungen Vertrauen und Freundschaften entstehen. Ihr ist wichtig, Menschen über einen längeren Zeitraum zu begleiten und gemeinsame Erinnerungen zu schaffen. Auch sie selbst nimmt viel aus der Pat:innenschaften mit. Durch die Gespräche hat sie ihren Blick auf unterschiedliche Lebensrealitäten erweitert. So hat sie erfahren, dass das Tragen eines Kopftuchs für viele Frauen eine persönliche und religiöse Entscheidung ist und nicht pauschal als Ausdruck von Unterdrückung verstanden werden kann. Menschen, die überlegen, selbst Pat:in zu werden, möchte Carmen ermutigen:
„Man lernt gemeinsam leichter als allein. Es lohnt sich, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen. Man gewinnt neue Erfahrungen und erweitert den eigenen Horizont.“
„Ich fühle mich nicht mehr allein“
Afrah ist 49 Jahre alt, kommt aus Syrien und spricht Arabisch und Tscherkessisch als Muttersprachen. Auf Wir sind Paten wurde sie durch eine Freundin aufmerksam. Zunächst suchte sie Unterstützung für ihre Kinder, über das Sprachcafé entdeckte sie dann die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen.
Heute ist ihr Pat:innenschaft für Afrah eine wichtige Unterstützung in ihrem Alltag. Sie erhält wichtige Orientierung in vielen Fragen des Lebens in Deutschland, lernt neue Menschen in Erfurt kennen und weiß, dass sie bei Herausforderungen nicht allein ist, sondern sich an jemanden wenden kann. Sie hat Menschen, die sie unterstützen oder einfach zuhören.
Carmen besucht Afrah regelmäßig zu Hause. Gemeinsam sprechen sie über das Leben in Deutschland und Thüringen, über unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und über Fragen des Alltags. So erklärte Carmen ihr beispielsweise, wie ein Termin in der Physiotherapiepraxis abläuft und was sie dabei erwartet. Ihre Patinnenschaft beschreibt Afrah als hilfreich und als eine nachhaltige Bereicherung. Durch die regelmäßigen Treffen sind eine verlässliche Beziehung und neue Kontakte entstanden und sie fühlt sich heute deutlich weniger einsam. Besonders bewegt hat sie ein Moment, als sie krank war und Carmen sich in dieser Zeit liebevoll um sie kümmerte: „Sie hat mich wie eine Mutter betreut“, erinnert sich Afrah. Die Treffen mit Carmen im Rahmen ihres Tandems helfen Afrah außerdem dabei, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Sie lernt neue Wörter kennen, entdeckt kulturelle Angebote und Veranstaltungen in Erfurt und gewinnt zunehmend Sicherheit dabei, sich in ihrem neuen Lebensumfeld in Erfurt zurechtzufinden und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Die Erfahrungen von Carmen und Afrah zeigen, dass Pat:innenschaften weit mehr sind als praktische Unterstützung. Sie schaffen Vertrauen, fördern gegenseitiges Verständnis und eröffnen neue Perspektiven. Aus gemeinsamen Erfahrungen entstehen Beziehungen, in denen die Beteiligten voneinander lernen und sich gegenseitig sowie eine vielfältige und solidarische Gesellschaft bereichern.